Dr. Hanna Dose im Gespräch

Beinahe 30 Jahre leitet Dr. Hanna Dose den Museumshof und das Märchenmuseum. In dieser Zeit baute sie die städtischen Museen maßgeblich aus und entwickelte zudem neue Veranstaltungsformate. Im Gespräch mit erzählt sie vom Zauber der Märchen und kulturellen Hamsterkäufen.

Dr. Hanna Dose vor dem Märchenmuseum

Frau Dose, welches ist Ihr Lieblingsmärchen?

Ein ausgesprochenes Lieblingsmärchen habe ich nicht, mag aber alle besonders gerne, die witzige oder ungewöhnliche Elemente enthalten. Ansonsten gilt für mein aktuelles Lieblingsmärchen: Es ist immer das, was ich noch nicht kenne und mir beim ersten Hören gut gefällt.

Können Sie aus Märchen etwas für Ihr Leben ableiten?

Ich mag Märchen, weil sie menschliche Urerfahrungen in sehr klaren Bildern widerspiegeln, ohne moralisch zu bewerten. Sie erzählen vom Leben mit all seinen Facetten und zeigen uns dennoch Wege auf, wie man sich vielleicht auch mal anders verhalten könnte. Mich fasziniert, wie sich Märchenmotive durch die Kulturen weltweit gleichen. Die Kultur eines Landes kann mir fremd sein, was die Märchen dieses Landes von den Menschen erzählen, ist mir aber nah, weil es über die Dinge berichtet, die ich kenne und mich auch selber beschäftigen. Während der Pandemie hatte Ihr Angebot „Bei Anruf Märchen“ großen Zuspruch.

Was begeistert die Menschen an Märchen?

Viele Menschen verbinden Märchen mit ihrer Kindheit, in der ihnen Märchen erzählt oder vorgelesen wurden. Das heißt, sie verbinden Märchen nicht nur mit Geschichten, die sie emotional gepackt haben, sondern auch mit persönlicher Zuwendung. Unser Angebot „Bei Anruf Märchen“ greift diese persönliche Nähe und Zuwendung wieder auf. Das schenkt manchem ein Stück Geborgenheit.

Ihr Märchentipp für die Winterzeit?

Denjenigen, die meinen, schon alles zu kennen, empfehle ich: Prinzessin Aubergine, Märchen aus dem Pandschab, gesammelt von Flora Annie Steel, erschienen im Manesse Verlag.

Seit knapp 30 Jahren leiten Sie die Städtischen Museen. Wie haben sich der Museumshof und das Märchenmuseum über die Jahre gewandelt?

Im Laufe der Zeit hat sich Vieles gewandelt. In den 1990er Jahren wurde das Gebäude des Märchenmuseums grundlegend saniert und auf dem Museumshof das letzte Gebäude des Häuserensembles errichtet. Die Dauerausstellungen in beiden Häusern wurden neu konzeptioniert und ein umfängliches, regelmäßig wiederkehrendes Veranstaltungsprogramm entwickelt. Die Bad Oeynhausener Märchentage fanden in diesem Jahr nun schon zum 28. Mal statt. Die Kunsthandwerkermärkte auf dem Museumshof, die die Öffnungssaison einrahmen, gibt es inzwischen seit 20 Jahren. Außerdem wurden die Sammlungen des Märchenmuseums wesentlich ergänzt. Auf dem Museumshof zeigen heute alle Gebäude thematische Ausstellungen und sind mit Informationstafeln ausgestattet. Das war früher nicht so. Das Märchenmuseum und sein Förderkreis erhielten 2019 für seine aktive Vermittlungsarbeit den europäischen Märchenpreis. Das Märchenmuseum hat sich überregional einen guten Ruf als Fachmuseum erarbeitet, der Museumshof ist ein beliebtes Ziel in der Region, besonders mit seinen Kunsthandwerkermärkten, dem Oldtimertreffen und anderen großen Veranstaltungen.

Hat sich durch Corona die Wahrnehmung der Bad Oeynhausener Museen bei den Besuchern geändert?

Der Hunger auf Kultur stellte sich sehr schnell nach der Phase der Hamsterkäufe ein. Kultur ist eben doch ein unverzichtbares Lebensmittel. Ein Museum zu besuchen, hat für viele Menschen offenbar wieder an Wertigkeit gewonnen. Dafür, dass nur Einzelbesucher und keine Gruppen für den Besuch der Museen zugelassen waren, sind wir mit den Besucherzahlen sehr zufrieden.

Ihre Museen sind von der Pandemie stark betroffen. Hat sich für die Museen durch die Umstände auch etwas Gutes ergeben?

Ohne Corona hätte ich nicht das Angebot des „Balkontheaters“ entwickelt. Es ist nicht nur sehr gut angekommen, sondern inspiriert auch alle, die bisher aktiv daran beteiligt waren, zu immer neuen Ideen. Insgesamt war der Zulauf zu den Veranstaltungen in beiden Häusern größer als erwartet. „Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort“ – so endet Hans im Glück.

Mit welchem Gefühl lassen Sie im nächsten Jahr Ihre Arbeit bei den Museen der Stadt hinter sich?

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich, der täglichen Fron zu entkommen und Neues beginnen zu können. Andererseits werde ich natürlich die Arbeit an den Sammlungen wie die Begegnungen mit so vielen unterschiedlichen Menschen, wie ich sie im Laufe meiner Dienstzeit erleben durfte, vermissen.

Dr. Hanna Dose …
… ist in Lübeck geboren und aufgewachsen. Sie studierte Volkskunde, Kunstgeschichte und Ur- und Frühgeschichte in Münster und promovierte 1990. Nach zwei Jahren am Altonaer Museum übernahm sie 1992 die Leitung der Städtischen Museen Bad Oeynhausen. Dazu gehören der Museumshof, ein Freilichtmuseum bäuerlicher Kulturdenkmale, und das Deutsche Märchen- und Wesersagenmuseum, ein Literaturmuseum kulturgeschichtlicher Ausrichtung. 2021 tritt sie aus dem Berufsleben aus. ‹