Wandelhalle

Die Wandelhalle

Nach dem Bau des neuen Kurhauses (1905-1908) und des Kurtheaters (1913-1915) fehlte Bad Oeynhausen noch eine angemessene Trink- und Wandelhalle.

Als Wandelbahn diente damals eine Ladenzeile mit vorgelagerter, überdachter Holzkonstruktion, die den Kurgästen ein wettergeschütztes Flanieren von Laden zu Laden ermöglichte und 1880 errichtet wurde. Diese Wandelbahn stand parallel zum Ostflügel des Badehauses I an der Straße Am Kurpark (heute Inowroclaw-Platz) und hatte ein Länge von 71 Metern. Der Ausschank der Oeynhausener Heilwässer erfolgte in einem kleinen, klassizistischen Trinkpavillon, der den Abschluss des Rundganges darstellen wird.

Die neue Wandelhalle sollte beides vereinigen: den angemessenen, großzügig gestalteten Ausschank der Heilwässer und eine überdachte Ladenzeile, die zum Verweilen einlädt. Die Planungen für die neue Wandelhalle stammten von Regierungsbaumeister Müller. Der Regierungsbaumeister und Architekt Frölich übernahm die Bauleitung vor Ort. Die Architekten der „Wandelhalle mit Brunnenausschank“ wurden von Prof. Julius Hoffmann aus Braunschweig
(Bildhauerarbeiten) und Geheimrat Prof. Dr.-Ing. Halmhuber aus Hannover (künstlerisch-malerische Ausgestaltung) unterstützt. Prof. Julius Hoffmann schuf die Großplastiken über den Seitenflügeln, die „Gesundheit“ und „Wasser“ personifizieren.

Wohlüberlegt und an die Gegebenheiten angepasst waren Standortwahl und Größe der neuen Wandelhalle, mit deren Bau Mitte Juni 1925 begonnen wurde. Ihr Platz gegenüber dem Kurtheater sollte unter Einbeziehung von Lesehalle und Badeverwaltung ein geschlossenes Ensemble schaffen. Außerdem hatte der nach Osten geöffnete, geschwungene Bau mit einer Länge von 84 Metern die Aufgabe, flanierende Badegäste gegen Westwinde zu schützen. Der Mittelbau der Wandelhalle erhielt die Form eines griechischen Tempels, der von sechs ionischen Säulen getragen wird. Rechts und links schließen sich niedrigere Seitenhallen an, die von dorischen Säulen geschmückt werden und der Wandelhalle die Form eines Halbkreises geben. Ursprünglich war der auf einem Stufensockel stehende Mittelbau mit einem großen Rundbogenfenster und einem Balkon versehen. Dort fand das Kurorchester Platz, um bei angenehmem Wetter das Publikum im Freien zu unterhalten. Im Innenraum, dessen Wände mit blau-grünen Kacheln versehen waren, befand sich der Ausschank von Oeynhausener Mineralwässern. Sie wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts von den Badeärzten zunehmend für Trinkkuren empfohlen. An den Seiten der Haupthalle schlossen sich „Gurgelräume“ an, in denen man die Gelegenheit hatte, Heilwässer gegen Halserkrankungen anzuwenden.

Auch in der Brunnenhalle gab es eine Empore, die es der Kurkapelle ermöglichte, bei schlechtem Wetter im Inneren zu spielen. Die Seitenhallen beherbergen je fünf Räume von nahezu gleicher Größe (ca. 42 qm), die von Beginn an für Läden vorgesehen waren. Schon seit der Eröffnung der Wandelhalle lädt ein Café die Gäste zum Verweilen ein.

Architekt Frölich selbst bezeichnete 1926 die Wandelhalle als „einen würdigen Rahmen“ für einen Trinkbrunnen. Nach der Eröffnung, die am 27. Juni 1926 stattfand, sorgten allerdings zwei überlebensgroße Quellnymphen bei Kurgästen und Bevölkerung für Gesprächsstoff und Diskussionen. Die von Prof. Halmhuber rechts und links außen neben dem Rundbogenfenster aufgemalten Nymphen waren recht spärlich bekleidet, zeigten, wie es in einem Zeitungsartikel heißt, „dafür aber dem Beschauer die Proportionen eines weiblichen Körpers“. Und weiter ist zum Schicksal der Nymphen zu lesen: „Das entscheidende Wort, dass Schönheit vergänglich sei, sprach jedoch die kalte Materie selbst: Die Farbe hielt nicht, sondern fing an abzublättern, sodass nach zwölfjährigem Leben die beiden Quellnymphen durch Kurdirektor Dr. de Haan zum Tode durch grausamstes Überpinseln verurteilt wurden.“

Die Übermalung der Nymphen sollte nicht die letzte Veränderung am Aussehen der Wandelhalle bleiben. Von 1960 bis 1962 kam es zu Renovierungsarbeiten an dem Gebäude, die zu massiven Eingriffen führten. Auf der Rückseite des Mittelteiles wurde ein dem Zeitgeist entsprechender nüchterner Promenadengang angebaut, in dem später auch Kunstausstellungen stattfanden. Den Balkon der Wandelhalle, auf dem das Kurorchester seine Frühkonzerte gegeben hatte, brach man ab und ersetzte ihn durch einen modernen mit gläserner Brüstung. Im Inneren kam eine zur Empore führende Wendeltreppe hinzu. Zur Verbesserung der Akustik wurde die ursprüngliche Kassettendecke unter einer Gips-Lamellendecke verborgen. Auch das
Rundbogenfenster in der Mitte der Wandelhalle wich mehreren rechteckigen Fenstern, die sich nahezu über die gesamte Breite des Gebäudeteils erstrecken und den Blick auf den Kurpark und die umliegenden Gebäude freigeben.

Nachdem schon im Herbst 1998 die störende und ungenutzte Lesehalle auf der Rückseite der Wandelhalle abgebrochen wurde, ist nun die Umgestaltung der Halle nach Plänen des Architekturbüros Christoph Mäckler in Frankfurt am Main erfolgt. Mit der behutsamen Neugestaltung der Wandelhalle zu einem vielseitig nutzbaren Veranstaltungsraum ist eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Gestaltung verbunden. Die Wandelhalle ist wieder ein Schmuckstück des Kurparks und der Stadt geworden.

Rico Quaschny (Auszug aus dem „Stadtführer Bad Oeynhausen“)