Jordansprudel

Thermalquelle VI (Jordan Sprudel)

© Gustav Richter, 1926. Stadtarchiv Bad Oeynhausen

Auszug aus "Chronik der Stadt Bad Oeynhausen 1910-1972"

Da die Schüttung und vor allem der Kohlensäuregehalt der Quellen langsam, aber merklich zurückging, musste die Badeverwaltung im Laufe der Jahre wieder an das Abteufen eines neuen Bohrlochs denken. 

Dazu schreibt Prof. Dr. ing. Gert Michel (Fortschritte in der Geologie von Rheinland und Westfalen, Band 26, 1977, S. 17): "Allen Solebohrungen Bad Oeynhausens ist eins gemeinsam: Die anfangs große Schüttung lässt verhältnismäßig schnell nach als eine Folge von Gipsinkrustation im Bohrloch. Nach dem Ausschaben steigt die Schüttung erneut an, erreicht aber nie wieder die ursprüngliche Höhe und fällt auch bald wieder ab. Die Konzentration bleibt so lange unverändert, wie kein Süßwasser zutreten kann, das heißt, solange die Holzverrohrungen noch intakt sind."

Die Reinigungen werden in Abständen von 2-4 Jahren durchgeführt, bei denen jeweils bis zu 14 Tonnen Gipskristalle ausgebohrt werden. 

Geologen und Wünschelrutengänger stellten unbeeinflusst voneinander Untersuchungen und Überlegungen nach dem richtigen Platz der Bohrung an. Sie kamen zu dem gleichen Ergebnis: eine Stelle südwestlich des Kurhauses nördlich der Gleisführung der Südbahn. 

Beim Abteufen des neuen Bohrlochs bestand die Gefahr, dieselbe Ader anzuschlagen, die das Bohrloch V speist - falls man nicht ein neues, stark soleführendes Gebirge anschlug, das man nicht kannte. 

"Der Geburtstag des Unternehmens", so schreibt Oberbergrat Morsbach, "war der 2. November 1924, an dem ein kleines Lärchenwäldchen dem Platze weichen musste, auf dem ein Bohrturm von ungefähr 20 Meter Höhe entstand."

Die dramatische Bohrung fand während der Amtsführung von Oberbergrat Jordan statt. Die geologische Beratung hatte der Landesgeologe Prof. Dr. Mestwerdt. Mit der Abteufung wurde die Preußische Tiefbohrung AG in Schönebeck an der Elbe unter der örtlichen Leitung von Oberbohrmeister Dörries beauftragt. 

Die folgende Schilderung der Bohrung stützt sich auf den Bericht von Oberbergrat Morsbach. 

Da man mit einer Tiefe von 700m und Störungen im Berg rechnete, begann die Bohrung mit dem ungewöhnlich großen Meißeldurchmesser von 670mm. Bei 39m Teufe wurde eine kleine Süßwasserquelle angebohrt, die zunächst 20l/min schüttete. In den nächsten Wochen wuchs die Wasserader: 

bei 136,0m Teufe auf 60l/min
bei 177,0m Teufe auf 600l/min
bei 189,0m Teufe auf 800l/min
bei 193,0m Teufe auf 1.250l/min
bei 194,6m Teufe auf 5.000-6.000l/min

Ein großer Fluss brach ans Tageslicht mit ungeheuren Wassermassen und rundgeschliffenen Steinen. Unter diesen Umständen war an Weiterbohren nicht zu denken. Dreimal hintereinander ließ der Bohrmeister 500 Zentner Zement ins Bohrloch pumpen, er wurde zum größten Teil in die Schichten gequetscht, die das Wasser führten. Nachdem der Zement hart geworden war, wurde das Bohrloch wieder aufgepumpt. Die Quelle war bis auf etwa 100l/min abgedrosselt. 

Zur Absperrung der Süßwasserzuflüsse wurden bei der Bohrung insgesamt 100 Tonnen Zement eingebracht, die dann wieder durchbohrt wurden. Nach einem halben Jahr, gegen Ende August 1925, konnte die Bohrarbeit wieder aufgenommen werden. Die Leistung der beiden Arbeitsschichten betrug etwa 3 Meter. Nach ungefähr zwölf Wochen, am 12. November, meldete sich bei 430m eine warme, salzhaltige Quelle an. Anfang Mai 1926 betrug die Schüttung 800l/min in einer Teufe von 650m. Die Temperatur betrug 29° C. Doch der Bohrmeister konnte die Freude der Oeynhausener nicht teilen. Die Schüttung des Bohrlochs V wurde durch diese Quelle nicht wenig beeinflusst. Außerdem war die Schüttung des Bohrlochs VI im Verhältnis zu seinem Durchmesser zu gering. Auch genügte die Temperatur nicht. Für den Bohrmeister war diese Solequelle ebenso lästig wie die Süßwasserquelle bei 190m. So wurde auch diese Quelle abgedrosselt, und zwar durch eine Rohrtour (das heißt durch die Verrohrung des Bohrlochs) von 220mm Durchmesser. 

Das war eine große Enttäuschung. Auch die Hoffnung, unterhalb des Niveaus der anderen Bohrlöcher im Muschelkalk Sole zu treffen, erfüllte sich nicht, denn bei 650 Metern drang der Bohrer in Buntsandstein, den man bei keinem der anderen Bohrlöcher gefunden hatte. Ende Juni stieß man dann wieder auf soleführendes Gebirge. 

Die neue Quelle, deren Schüttung von Tag zu Tag wuchs, übertraf alle Erwartungen. Am 24. Juli 1926 stieß man in einer Teufe von 724,56m auf eine Quelle, die mit elementarer Gewalt - 7,2 atü (heute bar) - in die Höhe schoss. Mit einer Schüttung von etwa 8.640.000 Litern pro Tag (= 7.000l/min) bei 35,65° C ist sie die größte Thermalsolequelle der Erde. Der Mittelwert der Schüttung beträgt 6.200l/min. Das Wasser der Quelle VI ist eine 2,5%ige eisen- und kohlensäurehaltige Thermalsole. Der Sprudel erreichte bei Windstille eine Höhe von 52 Metern. 

Die Quelle wurde Jordan-Sprudel genannt. Am 21. August 1926 fand zu Ehren von Oberbergrat Jordan ein Fackelzug und ein Bürgerkommers im Kurhaus statt. 

Das Becken und die Fassung des Sprudels wurden im Laufe der Jahre mehrfach verändert. 1970 erhielt der Jordansprudel eine neue Brunnenfassung nach den Plänen von Professor Hermann Mattern. 

Mit dem Wasser aus diesem Sprudel wurden die Thermalschwimmbäder versorgt. Anschluss an die Reservoire des Jordansprudels hatten das Badehaus II, die Auguste-Viktoria-Klinik (Orthopädische Klinik), der Hohenzollernhof, der Königshof, das Kur- und Badehotel Wittekind und das Kursanatorium im Kurpark. 

Seit 1961 bestand ein Vertrag mit Fr. Held, Fabrik alkoholfreier Getränke, wo unter Verwendung des Wassers vom Jordansprudel ein Tafelwasser, Jorda, vermutlich bis in die 50er Jahre hergestellt wurde.

Auch die Rohrtouren des Jordansprudels verkrusten sehr schnell. In den ersten 25 Jahren wurde der Jordansprudel in Abständen von 2-4 Jahren von einer Spezialfirma gereinigt. Seit 1960 wurden die Rohrtouren jährlich von Arbeitskräften des Staatsbades ausgekratzt und gereinigt. Die Kosten jeder Reinigung betrugen damals 32.000 Deutsche Mark. Die Arbeit dauert acht Wochen. 1972 wurden bis 512 Meter vollwandige Kupferrohre eingebaut in der Hoffnung, dass die Inkrustationserscheinungen sich verringern würden.